Gast-Haus e.V. Dortmund

Unsere Geschichte

Teil 1 von Elmar Stolte*
Elmar Stolte
Elmar Stolte
(*Elmar Stolte gehört zu den Mitbegründern des Gast-Hauses. Leider ist er im März 2006 allzu früh verstorben. Ein Teil seines Lebenswerks ist unser Gast-Haus. Nicht nur deswegen soll er im ersten - sehr persönlich gehaltenen - Teil der Beschreibung unserer Geschichte, den er im Herbst 2005 verfasst hat, zu Wort kommen.)

„Du sollst Dich melden. Die Wohnungslosensache geht los!“
...beginnt für mich ganz konkret an einem Nachmittag im Herbst 1994. Ich kam von der Schule nach Hause, und am Schwarzen Brett in der Küche hing für mich von meiner Frau ein Zettel: „ Hallo, Elmar, Reinhart hat angerufen. Du sollst Dich melden. Die Wohnungslosensache geht los!" Unser erstes Treffen, dem noch unendlich viele folgen sollten, fand an einem Donnerstag in den alten Räumen der Kana-Supppenküche statt. Einige Worte zu unserem Spiritus Rektor Pfr. Reinhart Ellbracht: Bis vor wenigen Monaten war er Pfarrer von Herz Jesu Hörde und hatte sich von unserem Erzbischof für die Arbeit als Wohnungslosenseelsorger der Stadt Dortmund freistellen lassen - ein schwieriges Unterfangen in der kirchlichen Hierarchie. Er war nicht nur selber, sondern hatte vor allem uns von den Ideen der brüderlichen Nächstenliebe überzeugt - die Vorbilder beginnen bei den Brüdern der Bettelorden des Heiligen Franz und spannen einen Bogen zu dem großen Franzosen Abbe Pierre.
Ein Ausspruch von Pfr. Reinhart Ellbracht: „Als Pfarrer habe ich an der Pfarrhaustür zu oft NEIN gesagt."
Die Donnerstage bis Januar 1995  
„Reife Frauen und Männer „spinnen mit Gottvertrauen."
Weil wir alle keine wirkliche Ahnung hatten, waren es schon abenteuerliche Gespräche, die wir führten. Im Abstand von zehn Jahren sage ich, dass wir sie so und nicht anders führen mussten.
Man könnte auch sagen:
„Reife Frauen und Männer spinnen mit Gottvertrauen." Unsere Strukturensuche wurde von Reinhart und Sigrid geprägt. Uns war klar, dass wir viel Geld benötigen würden und einen e.V. gründen mussten. Damals wie heute benötigten wir Dauerspender, die unsere Arbeit planbar machten und das finanzielle Risiko der sieben E.V. -Mitglieder senkten. Pfr. Ellbracht tingelte als Sonntagsvertretung durch die Gemeinden Dortmunds und legte mit den damals gewonnenen Spendern den finanziellen Grundstein. Zunächst für die Gastraumsuche.

20.04.1995: Gründung des Vereins Gast-Haus e. V. als Rechtsträger

Mai 1995, Raum für 40-60 Personen
Bedingungen für unsere Gasträume: Sie sollten Raum für 40-60 Personen bieten, im Einzugsbereich des Dortmunder Norden liegen, Renovierungsarbeiten wollten wir selber durchführen - man kennt das ja. Die Kirchengemeinden winkten ab - zu risikoreich. Immobilien Schlüter hatte die alte Hansa- Apotheke am Körner Platz im Sortiment. Die erste Ortsbesichtigung war nur für Menschen, die die Nachkriegszeit miterlebt hatten und bei ihren Eltern in dieser Zeit gelernt hatten, dass man schon vieles möglich machen kann, wenn man mit langem Atem richtig zufasst. Die Realität war ernüchternd: Schuttberge - Kabel hängen aus den Wänden - die fehlenden Deckenplatten bieten ein Bombenszenario. Pläne entstehen nicht von allein: Gastraum - Küche - Hygienetrakt - Mitarbeiterraum. Arbeitsabläufe werden geprüft - verworfen - verbessert - für gut befunden. Motivierte Mitarbeiter mit ihren Freunden, aber auch ein beeindruckter Vermieter ( er übernimmt ca. 40.000 € für die Sanitärinstallationen) beginnen mit einer Arbeit, die über Monate bis Dezember 1995 andauern werden. Schüler meiner damaligen Abschlussklasse sind zu Recht stolz auf ihre geleistete Arbeit. Mit dem Zug von Kamen nach Dortmund - Schuttberge, die eimerweise aus dem Haus in die Container geschleppt werden müssen. Norbert Kochanek war unser Bauleiter. Er konnte so manche Zulieferfirma der Fa. Wilo zu einem Sponsoring bewegen - Lüftung - Elektroinstallation. Ich habe Fliesenlegen bei Harald Laroche und Ingrid Dombrowski ( im Januar 2005 verst.) erlernt. Es waren zig Quadratmeter - die letzten Fliesen wurden Weihnachten 95 verlegt. Das Verfugen war schlimm.
Oktober 1995, Keine Drogen - kein Alkohol - keine Gewalt
Unsere Donnerstagstreffen finden jetzt im Gastraum unseres Gast-Hauses statt. Themen: Unser Name Gast-Haus ist Programm und bedeutet gastliches Haus statt Bank. Unsere Gäste sind zu oft von zu vielen Orten unserer Stadt vertrieben worden. Wir sind Gastgeber und bewirten unsere Gäste. Eine für uns alle ungewohnte und bedenkenswerte Situation, die sich bewähren wird. Wir bereiten uns auf einem Wochenendtreffen in Warstein in entspannter Atmosphäre auf die Arbeit mit Gästen vor: Wir wollen uns nicht überreglementieren - sowenig wie möglich und soviel wie zwingend nötig. Drei Grundbedingungen sind als grundlegende Vorschrift im Gastraum ausgehängt: - keine Drogen - kein Alkohol - keine Gewalt. Auch das hat sich bewährt.
Strukturmäßig haben wir eine „handverlesene" Planungsgruppe, die unter der Leitung von Reinhart Ellbracht und Sigrid Haarmann vierzehntägig arbeitet und u.a. auch die Mitarbeitertreffen vorbereitet. Die Mitarbeiter scharren mit den Hufen und suchen die Praxis. Ein Schmankerl: unsere Wäschekammer ist mit zwei Waschmaschinen, zwei Wäschetrocknern und vielen Regalen auf den Gästeansturm vorbereitet. Bleibt nur noch die Frage zu klären, wie die gewechselte Wäsche gekennzeichnet werden und dann gewaschen den eigentlichen Besitzer wieder erreichen soll. Schilder anklammern, mit Farbstift kennzeichnen, in einem besonderen Beutel waschen? Darüber haben wir uns viele Stunden gestritten. Die Situation heute: Socken und Unterwäsche werden nach einer Woche Tragzeit entsorgt, T-Shirts und Jeans werden getauscht...fertig.
Erster Öffnungstag - 6 Gäste, die Hilfe des lieben Gottes hinterlässt eine Spur in unserer jungen Geschichte. Ich bin sicher, das bleibt so und wir schaffen das.
Das meine ich sehr ernst. Ohne seine Fügung hätten wir die Renovierungsarbeiten nicht überstanden. Wir haben kein Geld mehr. Die Küche ist aus alten Küchenschrankfragmenten zusammengebaut (so sieht es auch bei Tellern und Tassen aus), und nun benötigen wir dringend 11 Tische und ca. 50 Stühle für den Gastraum. Das Johannes-Hospital meldet sich: „ Wir bauen unsere Cafeteria um. Benötigt ihr Tische und Stühle?" Wochen später erhalten wir auf gleichem Weg vom JoHo eine richtige Kaffeemaschine. Nach zwei Jahren stiften uns die Lions aus Bochum eine ganz edle Nirosta-Kücheneinrichtung. Nach 10 Jahren ruft uns die Hypo Vereinsbank an, ob wir Stühle benötigen. Unsere Anfrage an „Stuhlfirmen" waren bereits auf den Weg gebracht. Das Spendenaufkommen variiert stark - Oderflut, Tsunami in Ostasien, Dortmunder Tafel, - nur die Dauerspender bleiben für uns ein sicheres Standbein. Dann gibt es plötzlich wieder eine Überweisung von Dr. Knecht/Lions oder von den Rotariern und anderen.

14.01.1996: Feierliche Eröffnung und Einweihung

Eröffnung Weihnachtszeit 1995
Bunte Tafeln - Markenzeichen unserer Einrichtung
8 Mitarbeiter und 6 Gäste erleben den ersten Öffnungstag. Die eigentliche feierliche Eröffnung mit allen Spendern und Gästen und Mitarbeitern hatten wir dann am 14. Januar 1996. Die Teilnehmer gestalten während der Feierlichkeiten mit verschiedensten Lacken unterschiedlich große und bunte Tafeln, die bis heute unseren Eingangsbereich zieren und zu einem Markenzeichen unserer Einrichtung geworden sind.
Mitarbeiter der ersten Stunden
Schon in unserer ersten Runde bei Kana hatten wir einige Mitarbeiter aus der Gästeszene. Ich erinnere an unseren dicken Manni (an der Kaffeemaschine und heute in einem festen Mietverhältnis), an Richard Psikus. „Der Kfz-Meister, der Plane machte" und von den meisten Mitarbeitern unbemerkt über Monate im Keller schlief; an Lothar Müller, der Mann ohne Vergangenheit aus Ost-Berlin, von dem keiner genau wusste, ob er wirklich Lothar Müller hieß und der 1998 aus einer kleinen Wohnung spurlos verschwand. Seine Arbeit hatte Spuren hinterlassen. Lothar war der gute Geist, der alles richtete. Unsere Abhängigkeit ließ uns in ein tiefes Loch fallen und führte zur Einstellung von Josef Wagener-Greulich. Josef war Sozialarbeiter und hatte sich zum Schwerpunkt seiner Arbeit die Begleitung unserer Mitarbeiter gemacht. Er verließ uns im März 2004 in Richtung Wuppertal. Er wurde nicht ersetzt. Es gibt einen Kaffee-Karlheinz und einen langen Karl-Heinz. Es gab einen Libero Walter Hildebrand und einen Werner Röser, die die Montagsschichten fast zehn Jahre begleiteten. Der Umbauspezialist Heinz Heiart macht z.Z. eine schöpferische Pause. Jürgen Werner kümmert sich in einem sich nicht nur räumlich erweiternden Gast-Haus um die Technik und Umbaumaßnahmen. Ingrid Köhne ist u.a. für die neuen Mitarbeiter eine Ansprechpartnerin, die eine ehrliche und wenig romantische Einführung mit der sich daraus zwingend ergebenden notwendigen Begleitung wahrnimmt. Unsere Lebensmittelteams mit Irene und Rudi Beyer (80-85 Jahre), Norbert Lipgens, Jürgen Werner, Herbert Bahra und Marieluise Mutke sind unersetzlich. Christa und Peter Smolkas Weg durch das Gast-Haus lässt kaum eine Station aus, auf der sie nicht tatkräftig und umsichtig gearbeitet haben. Elfriede und Günter Mehrens sind Werbeträger in den umliegenden ev. Kirchengemeinden, beschaffen Mengen Käse und Eier und haben den Nachmittagsdienst geprägt. Die Geldtasche von Helga Herbst hat Kultstatus. Nora Niemeier versucht der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Das Vorstandsteam Werner Lauterborn und Ingrid Köhne ist nicht nur juristischer Vorstand, sondern Dackel für alles.
Unsere Gäste…
„Wenn die Geschichte gut ist, ist sie auch einen Heiermann wert."
… sind in vielen Situationen gar nicht so, sie sind ganz anders (Bert Brecht), sie sind halt Überlebenskünstler der Strasse. Ich habe sie betrunken (und zwar reichlich), aber nicht Furcht erregend und gewalttätig erlebt. Jeder Mitarbeiter hat seine eigenen Erfahrungen mit ihnen gemacht und macht in jedem neuen Dienst neue und andere Erfahrungen. Sie sind erfinderisch und brauchen einfach alles - von Wäsche über Lebensmittel bis Geld. Jürgen Werners Spruch: „Wenn die Geschichte gut ist, ist sie auch einen Heiermann wert", konterkariert nicht zwangsläufig unsere Verabredung kein Geld zu verleihen, sondern unterstreicht die individuelle Menschlichkeit. Wir sind auf einem Weg, der nie endet, wenn ich das Thema „Gäste als Mitarbeiter" anspreche. Es gibt immer wieder neue Erfolge, auf die wir alle stolz sein können. Eine traurige Besonderheit ist unsere Sterbetafel im Gastraum. Wenn man davor steht - und das machen viele Gäste - und manchen Namen liest, werden nicht nur Geschichten wach. Eine Trauerfeier, bei der der Sarg mit einer BVB -Flagge bedeckt ist, sagt schon etwas Besonderes aus. Es rührt mich schon an, wenn ich an Beerdigungen auf dem Ostenfriedhof denke und sehe, wie groß die Gruft ist, die die Franziskaner zur Verfügung gestellt haben.
Unsere Strukturen - praktizierte Demokratie, Demokratie ist schwierig, man muss sie einüben!
Seit 2000 haben wir verbindliche Strukturen, die demokratisch sind.
Jede Schicht wählt einen Sprecher- eine Libera/einen Libero - der dann Mitglied des Leitungsteams ist. Alle das Gast-Haus betreffende Entscheidungen werden in diesem Gremium getroffen. Der E.V. ist der juristische Vertreter. In ihm kann jeder auf Antrag Mitglied werden.
Unsere Ökumene - unsere Pfarrer, Pfr. Reinhart Ellbracht und Pfr. Alfons Wiegel
Wir sind stolz darauf ökumenisch zu sein. Die monatlichen Gottesdienste sind nicht nur gut vorbereitet, sondern auch gut besucht - die Gäste haben viel zu erzählen. Pfr. Alfons Wiegel hat ein besonderes Händchen dafür. Pfr. Reinhart Ellbracht wurde von seinem Freund Pfr. Alfons Wiegel abgelöst. Wer wird in ein bis zwei Jahren die dann vakante Stelle antreten?
Die Zusammenarbeit mit Diakonie und Caritas (Sonntagsfrühstück in den Innenstadtgemeinden), dem Franziskanerkloster und der Kana-Gemeinschaft ist christlich gut.
Elmar Stolte

Spenden Sie Freude!

Spendenkonto:
Gast-Haus e. V.
IBAN: DE90440501990021029270
BIC: DORTDE33XXX
Email: info@gast-haus.org

Zum Ausstellen einer Spendenbescheinigung benötigen wir Ihre Adresse
(Name, Vorname, Straße, Hausnummer, PLZ und Ort).

 

Einkaufen und Gutes für das Gast-Haus tun!

zu smile.amazon.de
0,5% der Preise Ihrer Einkäufe gehen direkt an Gast-Haus e. V.

Büro/Gastraum
Rheinische Straße 22
Tel: 0231-14 09 36

Arztpraxis
Rheinische Straße 20
Tel: 0231- 47 75 418

Spendenbüro
Mo. - Fr. von 8.00 bis 13.00 Uhr
Tel: 0231- 14 09 36

Copyright 2008-2017 | Gast-Haus e.V.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen