Zeitungsbericht von Dortmund24.de

Innenstadt-West. Oft sitzen sie an Straßen und Parks, suchen einen Platz zum schlafen und sind meistens unter sich. In Theatern, Kinos, im Wartezimmer der Arztpraxis sieht man sie selten: obdachlose Menschen. Dabei sind genau sie auf Hilfe angewiesen. Die Scham der Betroffenen ist manchmal so groß, dass sie keine Hilfe suchen und sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurückziehen. Das Dortmunder Gast-Haus hilft den Menschen und begegnet ihnen auf Augenhöhe.
Das rot angestrichene Haus belebt die Häuserfassade an der Rheinischen Straße. Im Gast-Haus sind all diejenigen willkommen, die wohnungslos oder obdachlos sind, auf der Straße leben, in Notunterkünften schlafen oder bei Bekannten unterkommen. Aber auch Menschen, die zwar eine Wohnung haben, aber in Armut leben, sind Gäste. Die Initiative ist der Meinung, dass jedem Menschen mehr als eine Bank im Park zusteht.
Hier ist jeder willkommen. Aber: Alkohol, Drogen und Gewalt sind verboten.
Seit 21 Jahren ist das Gast-Haus Anlaufstelle für Menschen ohne soziales Umfeld. Am 14. Januar 1996 wurde das Haus eröffnet. Seit zwei Jahren ist Katrin Lauterborn Geschäftsführerin des Gast-Hauses. Seit den Anfängen hat sich einiges getan: Es sind Büros entstanden, eine eigene medizinische Praxis sowie ein Raum für Rechts-, Sozial- und psychologische Beratung. All das wird von ehrenamtlichen Helfern gestemmt.
Die auf Hilfe angewiesenen Betroffenen sind hier Gäste und werden auch so behandelt. Es gibt die Möglichkeit sich zu waschen, zu duschen, in der Wäschekammer die Wäsche zu wechseln und sich die Zähne zu putzen. Bei Bedarf erhalten die Gäste auch Informationen zu Hilfs- und Beratungsangeboten sowie seelsorgerische und medizinische Betreuung.
Jeden Tag gemeinsames Frühstück
Von 8 bis 11 Uhr ist das Gast-Haus besonders gut besucht. Jeden Tag wird ein Frühstück mit frischen Brötchen, Kaffee, Käse, Wurst und Kuchen gereicht. Jeder Gast darf so viel nehmen, wie er möchte. Die Gäste können sich auch Brötchen schmieren und mitnehmen. Die Nahrungsspenden kommen von REWE und der Bäckerei Böhme. Auf der einen Seite wird Kaffee geschlürft, die anderen haben ihr Brot schon aufgegessen und sind nur noch zum Quatschen da.
Es geht beim gemeinsamen Frühstück aber nicht nur um das Essen, sagt Katrin Lauterborn: „Hier sollen die Leute zur Ruhe kommen. Sie werden versorgt, bekommen Gesellschaft, können sich unterhalten und bekommen ärztliche Hilfe“. Jeder Platz im Frühstücksraum ist besetzt, an den Tischen sitzen alte Leute, junge Leute, das Publikum ist bunt gemischt.
Die Gäste als Mittelpunkt
Im Gast-Haus stehen die Gäste im Mittelpunkt: Jedem wird auf Augenhöhe begegnet und niemand ausgeschlossen. Schaut man sich im Gast-Haus um, sieht man mehr Männer als Frauen. Das bestätigt auch Katrin Lauterborn „90 Prozent der Gäste sind männlich“. Der Grund: „Männer haben oft einen anderen Stolz, für sie ist es noch schwieriger Hilfe anzunehmen“. Auf der Straße werden sie unsichtbar, verwahrlosen und werden vom sozialen und kulturellen Leben ausgeschlossen.
Christa und Bärbel kommen regelmäßig ins Gast-Haus. Christa: „Ich komme seit drei Jahren wegen der Gesellschaft her. Man kennt sich, kann sich unterhalten und zusammen frühstücken. Und montags kommt der Pfarrer“. Auch Bärbel ist die Gemeinschaft wichtig. Sie kennt das Haus, weil sie einer Freundin helfen wollte: „Dann haben die sich hier gekümmert und ich habe selbst Leute kennengelernt. Seitdem komme ich seit eineinhalb Jahren täglich hierher“.
Gast seit 13 Jahren – Monas Geschichte
Mona kommt seit 13 Jahren ins Gast-Haus. Sie ist durchs Hören-Sagen darauf aufmerksam geworden. Sie hatte große Schwierigkeiten, konnte nicht mehr essen und hat innerhalb weniger Tage sieben Kilogramm Gewicht verloren. Hinzukam die Alkoholsucht und ihre Krebserkrankung. Irgendwann hat sie gemerkt: „Ich brauche Hilfe“. Sie hat sich an Katrin Lauterborn gewandt und wurde mit offenen Armen empfangen.
„Ich habe dann auch die Hilfe angenommen“, sagt Mona und versucht ihren Hund Sunny mit Leberwurst zu füttern. „Ich bin jetzt in der dritten Therapie und was mir besonders geholfen hat, ist positiv zu denken“, sagt Mona mit einem Lächeln. Eine Zeit lang hat der Alkohol ihr Leben bestimmt. „Irgendwann hatte ich einen richtigen Absturz. Ich bin hingefallen und kam alleine nicht mehr klar“, sagt sie. Am nächsten Tag habe sie dann erkannt, dass sich etwas ändern muss.
„Ich habe in den Spiegel geguckt, mein kaputtes Gesicht gesehen und gemerkt: Bis hierhin und nicht weiter“, erinnert sich Mona. „Ich habe dann vom einen auf den anderen Tag keinen Alkohol mehr getrunken“. Sie hat angefangen zu malen, um den Frust rauszulassen. Mit Erfolg: Seit zehn Jahren trinkt sie keinen Alkohol mehr.
„Ohne das Gast-Haus wäre ich verloren“, betont sie.
Es gibt eine eigene Arztpraxis
Die Einrichtung hat auch eine eigene Arztpraxis. Mehrere Fachärzte arbeiten ehrenamtlich für die Initiative. Darunter ein Gynäkologe, Psychologen, ein Allgemeinarzt, ein Augenarzt sowie eine Podologin zur Fußpflege und ein Seelsorger. Was viele nicht wissen: Obdachlose oder wohnungslose Menschen laufen teilweise bis zu 30 Kilometer am Tag. Da ist eine Fußpflege besonders wichtig. Auch eine Suchtberatung wird für die Gäste angeboten. Die Sprechstunden der Ärzte sind immer voll, 50 bis 70 Leute kommen am Tag. Zu einer Therapie gezwungen wird im Haus aber niemand. „Die Leute stehen unter einem großen inneren Druck. Die können sich zum Teil nicht an Termine halten, haben psychische Probleme und schämen sich. Wir akzeptieren hier jeden so, wie er ist“, sagt Katrin Lauterborn.
Jede Spende ist willkommen
Im Jahr werden zwischen 350.000 und 450.000 Euro benötigt. Dazu kommen noch Laboruntersuchungen, die finanziert werden müssen. Dafür werden allein schon bis zu 80.000 Euro benötigt. Auch Stromkosten, Müll und Renovierungen müssen bezahlt werden. Diese Kosten müssen jedes Jahr aufs Neue gestemmt werden – und das lediglich aus Spenden. Benötigt werden: Kleiderspenden, besonders Männerkleidung, robuste Schuhe und Unterwäsche. Lauterborn betont: „Viele Leute denken zu groß, wir sind auch für Kleinigkeiten dankbar. Das kann schon eine Zahnbürste sein“. Die meisten Leute gehen davon aus, dass Menschen ohne Obdach vor allem im Winter Hilfe brauchen. „Armut besteht immer, auch im Sommer“, so Katrin Lauterborn. Deswegen sind regelmäßige Spenden besonders wichtig, um das Gast-Haus am Leben zu halten und den Menschen zu helfen.
Unterstützung bei den Ämtern
Jörg ist seit drei Jahren als ehrenamtlicher Helfer dabei. Sein Anreiz: „Ich stehe auf der Sonnenseite und komme aus einer guten Situation. Ich habe die Motivation, Menschen zu helfen. Wenn sich das wie ein roter Faden durch unsere Gesellschaft ziehen würde, dann würde es vielen Menschen besser gehen“.
Jörg wünscht sich, dass obdachlose Menschen mehr Unterstützung bekommen, um mit den Ämtern fertig zu werden: „Die sind nicht in der Lage Termine wahrzunehmen, einen Perso zu beantragen, die sind überfordert. Die werden auch von anderen Menschen nicht akzeptiert oder weggeschickt, weil sie ein ungepflegtes Erscheinungsbild haben. Im Gast-Haus bekommen sie Hilfe“.


Ehrenamtliche Helfer gesucht
Weil das Gast-Haus eine spendenfinanzierte Initiative ist, werden auch möglichst viele ehrenamtliche Helfer benötigt. In den letzten Jahren ist der Bedarf immer größer geworden. 2015 und 2016 waren jeweils über 100.000 Menschen zu Gast. Mit zwei Öffnungstagen ist das Gast-Haus angefangen, mittlerweile sind die 145 ehrenamtlichen Helfer 365 Tage im Jahr für die Gäste da. Das Problem: Das Ehrenamt ist überaltert. Die Helfer sind zum Teil 70 bis 80 Jahre alt. „Zwar helfen sie immer noch tatkräftig mit und wir sind über jeden Ehrenamtler glücklich. Aber das ist nicht immer selbstverständlich, schließlich wird die Arbeit nicht weniger“, sagt Katrin Lauterborn. Einige Helfer sind zum Teil seit 20 Jahren im Team dabei. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Leuten“, sagt Lauterborn. Nachwuchs muss her.

Wer ehrenamtlich im Gast-Haus mithelfen möchte, kann sich per Mail oder telefonisch bei der Initiative melden. Wichtige Voraussetzung für die Mitarbeit sind Offenheit und Toleranz gegenüber den Gästen.
Kontakt: Gast-Haus Telefon: (0231) 14 09 36. E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Copyright Text: Dortmund24.de, Copyright Fotos: Ann-Kristin Pott/Dortmund24

Büro/Gastraum
Rheinische Straße 22
Tel: 0231-14 09 36

Arztpraxis
Rheinische Straße 20
Tel: 0231- 47 75 418

Spendenbüro
Mo. - Fr. von 8.00 bis 13.00 Uhr
Tel: 0231- 14 09 36

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