Gast-Haus e.V. Dortmund

Gast-Haus statt Bank aus Dortmund

Ein Treffpunkt für Ausgestoßene

Um 8 Uhr öffnet das Gast-Haus in Dortmund seine Türen. Eine Minute später sind alle Stühle besetzt. Denn hier gibt es kostenloses Frühstück für Wohnungslose und alle anderen, die es sich sonst nicht leisten können. 150.000 Mahlzeiten gehen hier jährlich über den Tisch. Zusätzlich bietet das Gast-Haus auch kostenlose ärztliche Versorgung, eine Kleiderkammer, Duschen und Gespräche mit Seelsorgern an.
Ein Besuch. Von Sophie Schädel | Fotos: Daniel Sadrowski

'Die Leute müssen erstmal satt werden'

Das Dortmunder Gast-Haus 'Gast-Haus statt Bank' prangt in großen Lettern an der knallroten Fassade der Rheinischen Straße 22 in Dortmund. Der Name ist Programm: 'Wir empfangen hier jeden als Gast. Wir wertschätzen die Gäste und begegnen ihnen auf Augenhöhe', betont Katrin Lauterborn, die das Gast-Haus leitet. 'Darum duzen wir uns hier auch alle.'Die Gäste stehen bei allen Überlegungen im Fokus. 'Hier ist das Besondere: Die Menschen sind nicht am Rande der Gesellschaft', sagt Katrin. Sie arbeitet hier seit ihr Vater vor 21 Jahren das Gast-Haus mitbegründete. Damals habe der Verein an zwei Tagen pro Woche ein Frühstück für Wohnungslose angeboten. Das Grundangebot blieb bestehen: 'Die Leute müssen erstmal satt werden', sagt Katrin resolut. 'Aber es geht um mehr als nur die Grundversorgung: Wir sind ein täglich geöffneter Anlaufpunkt für Wohnungslose und Arme.'

Jeder so viel er will

Das scheint anzukommen: Im Gastraum ist morgens schon Hochbetrieb. In dem hellen Raum mit der großen Fensterfront sitzen Gäste an den Tischen und unterhalten sich laut. Es herrscht Café-Atmosphäre. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter bringen jedem Gast einen Teller an den Tisch. Dannach bedienen sie sich an der Theke, bis alle satt sind und packen sich noch etwas für später ein.'Hier bekommt jeder so viel er will', sagt Rolf, der heute Teamchef ist und reicht einem Gast drei weitere Scheiben Brot mit Margarine. Wie viele der Helfer im Gast-Haus ist er Rentner und freut sich, hier etwas Sinnvolles tun zu können. Einige der Ehrenamtlichen waren früher aber auch selbst Gäste. Zum Beispiel Hermann, seit 14 Jahren der selbsternannte Chef der Kaffeemaschine. 'Ich bevorzuge Lavazza', sagt er und strahlt stolz, als er sich wieder seiner Maschine zuwendet.Der Andrang an der Theke ist groß. Am Monatsanfang ist es 'nur' voll, am Monatsende bildet sich eine lange Schlange vor dem Laden. Jeder zweite Gast ist obdach- oder wohnungslos, berichtet Katrin. 'Die andere Hälfte hat zwar eine Wohnung, ist aber arm und hat einen ähnlichen Lebensstandard.' So zum Beispiel Rüdiger, ein kräftiger Mann mit Vollbart und blauem Hemd. Er ist nur unregelmäßig hier, weil er einen Minijob und eine kleine Wohnung hat. 'Mir geht es noch relativ gut', sagt er und beißt in sein Brötchen. Rüdiger isst nur im Notfall hier, wenn sein Kühlschrank leer ist. 'Ich will den Leuten nichts wegessen, die es wirklich dringend brauchen.'

'Immer on the Road'

Wirklich brauchen kann es Kay. 'Momentan lebe ich vom Gast-Haus und von der Straße' sagt der 28-jährige. 'Seit ich 14 bin, lebe ich ofW' - ohne festen Wohnsitz. Wo er schläft? 'Bei Bekannten auf der Couch, in Zügen, volles Programm.' Manchmal habe er schon mit synthetischen Drogen drei Nächte durchgemacht, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Kay ist zu 100 Prozent behindert; 'kaputtgeschrieben', wie er es nennt. Er hat eine schiefe Wirbelsäule und eine posttraumatische Belastungsstörung, über die er aber nicht sprechen möchte. Er fährt sich durch seine halblangen Haare und ein buntes Tatoo auf seinem Wangenknochen kommt zum Vorschein. Kay ist, 'immer on the Road', sagt er, denn er fühlt sich getrieben. Darum liege ihm die unbürokratische Art des Gast-Hauses sehr. 'Hier muss ich nicht wie anderswo auf einen Termin warten.'

Hürden und Bürokratie abbauen

'Unsere Gäste brauchen ein niederschwelliges Angebot. Bei anderen Stellen brauchen sie einen Ausweis und müssen sich registrieren', sagt Katrin. 'Wenn man Wohnungslose mit einem Termin an das andere Ende der Stadt schickt, um sie dort zu beraten, werden viele von ihnen nie dort auftauchen.' Auch Voraussetzungen wie das Überwinden einer Drogenabhängigkeit gibt es im Gast-Haus nicht. Von städtischer Seite gebe es kein so unbürokratisches Angebot, bemängelt Katrin. Alles in Dortmund funktioniere über Spenden und Ehrenamt. 'Die Stadt behauptet, ihr eigenes Angebot für Wohnungslose sei ausreichend', sagt Katrin. Geflüchtete, deren Status anerkannt werde, würden gut versorgt. Aber wer durch das Raster des Asylrechts falle wie Migranten aus Rumänien und Bulgarien oder Wohnungslose ohne Migrationsgeschichte, erhalte keine Krankenversicherung, keinen Deutschkurs, keine Unterstützung durch Sozialarbeiter und keine Wohnung. Viele dieser Menschen tauchen irgendwann im Gast-Haus auf. Mittlerweile stehen die ersten Gäste auf und machen Platz für die nächsten. Einer hat seinen Hund mitgebracht, der gierig auf die Teller am Nachbartisch schaut. Dort sitzt Uwe und trinkt seinen Kaffee. Er ist Ende 40, hat eine Narbe unter dem linken Auge und einen kleinen Irokesen im Nacken. Früher habe er in einem besetzten Haus gelebt, zeitweise im Wald und immer wieder auf der Straße. Bei seiner Arbeit als Schlosser hatte er vor 15 Jahren einen Unfall und ist seitdem arbeitsunfähig. Durch einen Streit mit dem Vermieter verlor er seine Wohnung und seinen ganzen Besitz. Seitdem kommt er oft ins Gast-Haus und kennt hier alles und jeden.

Weit mehr als nur ein Frühstück

Wer sich sattgegessen hat, kann dannach noch die Duschen des Hauses nutzen und sich frische Kleidung abholen. Bärbel, die Chefin der Wäschekammer, öffnet hier seit Jahren Woche für Woche Beutel mit gespendeter Kleidung. Einen Großteil davon kann das Gasthaus aber nicht verwenden und gibt ihn an andere Initiativen weiter. 'Die Leute spenden nicht zielgerichtet. Wir brauchen hier robuste Jeans und Schuhe, keine Krawatten!' Ein ebenfalls gut genutzes Angebot ist die Praxis des Gast-Hauses. Bis auf die Tatsache, dass die Ärzte hier keinen weißen Kittel tragen, eine ganz normale Praxis. Doch es herrscht großer Andrang im Wartebereich, denn die Ärzte hier behandeln kostenlos menschen, die nicht krankenversichert sind. 'Wir tragen uns komplett aus Geld- und Materialspenden und der Zeit, die unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter hier verbringen', sagt Klaus, der Arzt, der die Praxis gegründet hat.

Das Gast-Haus wächst

Zu Beginn betrieben die Ärzte die Praxis noch in der Rheinischen Straße 22. Aber seit dem Zuzug vieler Rumänen und Bulgaren sind pro Sprechstunde 70 Patienten
hier und das Gast-Haus musste seine Räumlichkeiten erweitern. Die obere Etage der Rheinischen Straße 22 sowie das Nachbarhaus mit der Nummer 20 hat das Gast-Haus nun zusätzlich bezogen. Die neuen Räume schaffen Platz für Behandlungszimmer, Büros und einen Besprechungsraum für Vereinssitzungen oder kostenlose Rechtsberatung. 'Jetzt kann alles parallel laufen', sagt Katrin zufrieden. Durch die neuen Räume ist der Gastraum entlastet. 'Wenn wir nicht aufhaben, können die Leute nirgendwo hin. Jetzt konnten wir die Öffnungszeiten erweitern.' Beispielsweise fanden die Vereinssitzungen bis zum Umbau im Gastraum statt. Besonders im kalten Winter sei es schwergefallen, die Türe vor den Gästen zu schließen. Doch der Moment, gerade im Winter abends die letzten Gäste wegzuschicken, falle immer noch schwer. 'Wenn ich morgens Eis von der Autoscheibe kratzen muss und ich schon beim Fahren friere, frage ich mich immer, wie die Leute das schaffen.'

Seelsorge auf Augenhöhe

Über solche Sorgen sprechen die Gäste häufig mit Wilfried, einem der Seelsorger im Gast-Haus. Früher war er Pfarrer. Heute hat er das Gefühl, den Menschen tatsächlich auf Augenhöhe begegnen zu können: 'Anders als in der Kirche kommen die Menschenhier nicht unterwürfig her. Sie müssen nicht demütig sein, um Hilfe zu bekommen' schwärmt er von seiner Arbeit. Wichtig sei im Gast-Haus auch, dass die Gäste sich hier nicht verändern müssen. 'Wer will, bekommt Unterstützung, wer das nicht will, wird aber auch in keine Richtung gedrängt', sagt Wilfried. Ein trauriger Teil seiner Arbeit: Wenn ein Gast stirbt, organisieren die Seelsorger die Beerdigung samt Trauerfeier statt der anonymen Beisetzung, die das Sozialamt bezahlen würde. 'Das ist vielen von ihnen eine große Erleichterung', weiß Wilfried. 'Wir lassen niemanden alleine.'


Mitarbeiter des Gast-Hauses
Fast 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich im Gast-Haus um die Bedürfnisse der Besucher, vom Frühstücksangebot bis zur ärztlichen Versorgung.
Vl.: Geschäftsführerin Katrin Lauterborn, Arzt Klaus Harbig, Hermann Sendl, Marianne Brentzel mit Patientin Angelika, Wäschekammer-Chefin Bärbel Klein, Seelsorger Wilfried Göddeke.
diesen Beitrag als pdf-Datei lesen

Spenden Sie Freude!

Spendenkonto:
Gast-Haus e. V.
IBAN: DE90440501990021029270
BIC: DORTDE33XXX
Email: info@gast-haus.org

Zum Ausstellen einer Spendenbescheinigung benötigen wir Ihre Adresse
(Name, Vorname, Straße, Hausnummer, PLZ und Ort).

 

Einkaufen und Gutes für das Gast-Haus tun!

zu smile.amazon.de
0,5% der Preise Ihrer Einkäufe gehen direkt an Gast-Haus e. V.

Büro/Gastraum
Rheinische Straße 22
Tel: 0231-14 09 36

Arztpraxis
Rheinische Straße 20
Tel: 0231- 47 75 418

Spendenbüro
Mo. - Fr. von 8.00 bis 13.00 Uhr
Tel: 0231- 14 09 36

Copyright 2008-2017 | Gast-Haus e.V.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen